Beim Umsetzen von Ideen schnell zu sein, werde künftig noch viel wichtiger werden, sagt Markus Tischer. Der neue Chief Technology Officer von Krones sieht das Unternehmen dafür gut aufgestellt. Nachhaltigkeit und Ressourcenknappheit blieben die größten Innovationstreiber für das Unternehmen, in Digitalisierung und künstlicher Intelligenz (KI) lägen große Chancen. Ein Gespräch über Technologiestrategien für die Zukunft.
Herr Tischer, machen wir eine Zeitreise 25 Jahre nach vorne, wenn Krones 100 Jahre besteht. Bei einem Pilotkunden wird die dann modernste Getränke-Abfülllinie eingeweiht. Wie wird sie aussehen?
Die Anlage wird vollautomatisiert und ohne Bedienpersonal arbeiten. Unsere Kunden stellen sich vor, dass in Zukunft von einem Leitstand ein Team das ganze Werk überwacht. Die hohe Automatisierung wird auch an der Vielzahl von Robotern erkennbar sein. Diese sehen vielleicht anders aus als heute, auf alle Fälle werden sie sich nicht mehr auf festen Bahnen bewegen, sondern völlig frei, womöglich sogar fliegend.
Natürlich sind auch in 25 Jahren die Grundfunktionen – Streckblasen, Etikettieren, Abfüllen, Verpacken et cetera – vorhanden und werden bis dahin einen durchgehenden Block bilden. Unsere starke technologische Expertise in diesen Bereichen bleibt also weiterhin sehr relevant. Neu sein wird aber die hochgradige Vernetzung der Anlage mit dem Gesamtsystem, also mit Lager und der kompletten Intralogistik, aber auch mit Bereichen wie Spritzgießtechnik oder Prozesstechnik. Deshalb wird es künftig noch wichtiger werden, Know-how in Vernetzung und Automatisierung weiter auszubauen und zu vertiefen. Für all diese Konzepte sehen wir heute schon erste Ansätze.
Eine Anlage, die vollautomatisiert und ohne Bedienpersonal arbeiten und von einem Leitstand das ganze Werk überwachen wird – so beschreibt CTO Markus Tischer die Vision für eine Linie in 25 Jahren.
Gehen wir noch einen Schritt weiter: Wie wird eine neue Fabrik in 25 Jahren aussehen?
Sie wird vollständig digitalisiert und vernetzt sein: mit Krones, weil wir die Anlagen online steuern, aber auch mit anderen Werken des Unternehmens und mit den Absatzmärkten – vom Logistikdienstleister bis hin zur Supermarktkasse. Die Fabrik wird konsequent „on demand“, also bedarfsgerecht, produzieren. Intelligente Steuerungen sorgen auch unter Einbeziehung externer Informationen wie Wetterdaten dafür, dass das richtige Produkt zur richtigen Zeit am richtigen Ort und in der richtigen Menge hergestellt werden wird.
Die Fabrik wird zudem wesentlich nachhaltiger arbeiten als heute üblich. Ihre Energieversorgung wird stärker lokal, regenerativ und intelligent organisiert sein. Und sehr viel mehr Werke als heute werden ihren Wasserverbrauch mit geschlossenen Wasserkreisläufen und Aufbereitungsanlagen minimieren.
Für welche dieser Zukunftstechnologien legt Krones heute schon den Grundstein?
Generell liegt in künstlicher Intelligenz ein wichtiger Schlüssel für unsere Zukunftstechnologien. Und wir setzen sie heute schon erfolgreich ein und bauen sie stark aus. Eine Schlüsseltechnologie ist der digitale Zwilling, also das digitale Abbild einer physischen Anlage. Derzeit nutzen wir die Technik vereinzelt, zum Beispiel für Simulationen in der Entwicklung. Künftig wird genug Rechenleistung vorhanden sein, um digitale Zwillinge der ganzen Anlage, vielleicht sogar der ganzen Fabrik zu schaffen. Dadurch eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten: von der Simulation und der virtuellen Inbetriebnahme über die Ursachenanalyse bei Problemen in der Anlage oder Linie bis hin zur kontinuierlichen Optimierung und Modernisierung im laufenden Betrieb. Das alles wird enorm Zeit einsparen.
In einzelnen Nischen gehen wir heute schon einen Schritt weiter mit sogenannten agentischen digitalen Zwillingen. Sie nutzen KI-gestützte Simulationen, um unterschiedliche Szenarien zu bewerten und auf dieser Basis konkrete Entscheidungsoptionen und Handlungsempfehlungen vorzuschlagen.
Bleiben wir noch bei der Digitalisierung: Worin sehen Sie hier die größten Chancen und Risiken?
Digitalisierung kann uns enorm helfen, die Technologieführerschaft von Krones weiter auszubauen. Eine Herausforderung werden dabei die unterschiedlichen Innovationsgeschwindigkeiten sein. Unser klassisches Anlagenbau-Geschäft hat Innovationszyklen von vier bis fünf Jahren. In der digitalen Welt sprechen wir eher von Monaten statt Jahren. Diesen Spagat müssen wir meistern, denn: Unsere Maschinen sind oft mehrere Jahrzehnte beim Kunden im Einsatz. Deshalb müssen wir sicherstellen, dass sie auch über diesen gesamten Zeitraum hinweg mit neuen, teilweise noch gar nicht absehbaren Funktionen nachgerüstet werden können, beispielsweise über Software-Updates. Wir müssen also gewährleisten, dass wir mit der Schnelligkeit der Digitalisierung Schritt halten und wir neue digitale Lösungen schnell flächendeckend ausrollen können.
Sie sprachen von der vernetzten Fabrik, die im digitalen Austausch mit vielen verschiedenen Akteuren steht. Wie stellt man sich so eine Datenwelt künftig vor?
Da ist gerade viel Bewegung. Krones als Anlagenlieferant beispielsweise bietet seinen Kunden mit der Krones.world eine zentrale Plattform für digitale Services, Service-Leistungen und weitere Anwendungen.
Auf lange Sicht werden wir aber mit unseren Lösungen Teil eines größeren Ökosystems sein, das viele Akteure einbindet. Diese Plattformen und der dahinterliegende Datenschutz und die IT-Sicherheit werden sehr wichtig werden.
„Digitalisierung kann uns enorm helfen, die Technologieführerschaft von Krones weiter auszubauen“, ist sich Markus Tischer sicher.
Wie kann Krones in dieser digitalisierten Welt neben großen Getränke- und Lebensmittelherstellern auch kleinere Betriebe bedienen?
Beide Zielgruppen sind wichtig und relevant. Große Firmen sind eher auf Kosten- und Produktionseffizienz fokussiert. Sie wollen voll vernetzte, intelligent gesteuerte Fabriken und werden auf dieser Grundlage vieles selbst in die Hand nehmen.
Kleinere Unternehmen hingegen haben nicht für jedes Thema eigene Fachleute und werden sich zunehmend auf uns und unsere Services verlassen. Hier ist Digitalisierung der Schlüssel, damit wir deren Linien zuverlässig online im Blick haben und remote schnell reagieren können.
Die jüngste Innovation von Krones ist Ingeniq, ein in jeder Hinsicht neuartiges Linienkonzept. Ein Aspekt daran ist, dass die Linie vollständig digitalisiert und vernetzt ist und ihre Daten an eine gemeinsam genutzte Plattform, die Krones.world, liefert. Auf lange Sicht wird das einen riesigen Datenschatz über verschiedenste Linien weltweit ergeben. Wie wird Krones diesen nutzen?
Zunächst möchte ich betonen, dass diese Informationen natürlich anonym bleiben. Es wird nie ein Kunde die Daten eines anderen sehen! Generell ist das Potenzial dieser Daten aber natürlich sehr groß. Wir sehen das an den ersten Ingeniq Linien, bei denen uns ausgewertete Betriebsdaten auf Schwachstellen hinweisen, die wir auf konventionelle Art nicht entdeckt hätten.
Künftig wird es dank KI einfacher werden, diesen Datenschatz auszuwerten. Wir können dann zum Beispiel schnell herausfinden, ob ein Problem schon einmal woanders aufgetreten ist. Oder wir entdecken bisher unerkannte Zusammenhänge – zum Beispiel zwischen einem bestimmten Effekt und dem Verlauf des Stromverbrauchs. Und wir können unseren Kunden Auswertungen anbieten und beispielsweise verschiedene Standorte miteinander vergleichen.
Es war jetzt schon mehrfach von KI die Rede. Welche Erwartungen setzen Sie in die Technologie?
KI wird vieles grundlegend ändern und das in einem Ausmaß, das wir uns kaum vorstellen können. Denken Sie nur, wie schnell sich KI-Lösungen in den letzten Jahren entwickelt haben. Wir werden immer mehr Daten zur Verfügung haben und auf dieser Grundlage Entscheidungen treffen. Das gilt sowohl für unsere Anlagen als auch für interne Prozesse. In Zukunft werden wir also fundamental anders arbeiten als heute. Wir werden KI-gestützt entwickeln, unsere Maschinen und auch unsere Prozesse werden zunehmend KI-gesteuert sein.
Das bedeutet natürlich auch, dass sich die Anforderungen an unsere Mitarbeitenden verändern werden. Sie werden weniger Zeit für automatisierte Routineaufgaben aufwenden müssen und können sich stattdessen stärker auf wertschöpfende Tätigkeiten konzentrieren – von der Verbesserung bestehender Lösungen über die Weiterentwicklung von Produkten und Prozessen bis hin zur Entwicklung neuer Konzepte und Ansätze für die Zukunft. Unsere Aufgabe wird sein, die Belegschaft mit einem positiven Mindset darauf einzustimmen, sie mitzunehmen und die notwendigen Kompetenzen aufzubauen.
Schauen wir allgemein auf die Technologie-Entwicklung bei Krones. Was sind die wichtigsten Trends, an denen sie sich orientiert?
Einer der größten Innovationstreiber für uns ist ganz klar der Bereich Nachhaltigkeit, vor allem im Hinblick auf knapper werdende Ressourcen. Für unsere Kunden ist dies nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll. Wasser zum Beispiel ist eine der wichtigsten Ressourcen für unsere Kunden und wird in vielen Weltregionen immer kostbarer. Wasser zu sparen und aufzubereiten, wird also immer wichtiger werden. Generell steigt die Bedeutung einer intelligenten und bedarfsgerechten Produktion, die keine Ressourcen verschwendet.
„Die Fabrik wird wesentlich nachhaltiger arbeiten als heute üblich. Ihre Energieversorgung wird stärker lokal, regenerativ und intelligent organisiert sein“, so Markus Tischers Prognose für die Vision einer Getränkefabrik in 2051.
Was verlangt der Markt künftig von Krones, was erwarten sich die Kunden und wohin treiben die Wettbewerber Krones?
Der Markt verlangt, wie immer, beherrschbare und zuverlässige Lösungen zu wettbewerbsfähigen Gesamtbetriebskosten. Mit unseren Kunden stehen wir natürlich ständig im Dialog und stellen gemeinsame Zukunftsbetrachtungen an. Ingeniq ist nur ein Beispiel von vielen, das zeigt, welche visionären Ergebnisse aus einem solchen Austausch entstehen können.
Der Wettbewerb wird zunehmend nicht nur von etablierten großen Anbietern, sondern auch von kleineren, sehr pragmatisch und agil agierenden Unternehmen aus dem asiatischen Raum geprägt. Dies führt dazu, dass wir uns zweigleisig aufstellen und neben unseren High-End-Lösungen auch schlankere Maschinenkonzepte anbieten müssen, die exakt auf die Anforderungen bestimmter Märkte und Kundengruppen zugeschnitten sind. Um hierfür passende Lösungen zu finden, wird uns eine diverse Kultur in der Entwicklung helfen.
Seit Juli sind Sie Chief Technology Officer von Krones. Was haben Sie sich in dieser Rolle vorgenommen?
Krones ist ein Technologieunternehmen. Innovation ist der Schlüssel für unseren langfristigen Erfolg. Ich bin überzeugt, dass wir durch 75 Jahre Erfahrung über ein einzigartiges Wissen entlang der gesamten Wertschöpfungskette unserer Kunden verfügen. Meine Rolle als CTO sehe ich darin, die Innovationskraft von Krones zu fördern und die vielfältigen Kompetenzen im Unternehmen so zusammenzuführen, dass daraus Lösungen entstehen, die unseren Kunden einen echten Mehrwert bieten und in dieser Kombination an Expertise nur Krones realisieren kann.
Ein gutes Beispiel dafür ist Ingeniq. Denn hier denken wir den kompletten Produktionsprozess revolutionär anders: Neben High-End-Equipment und vollständiger Digitalisierung und Automatisierung steht hier besonders die Partnerschaft mit unseren Kunden im Fokus. Gemeinsam übernehmen wir im Rahmen einer Lifecycle Alliance Verantwortung für die Anlageneffizienz. Für Ingeniq haben verschiedene Bereiche ein Paket geschnürt, das niemand sonst am Markt in dieser Form anbieten kann.
In diesem Sinn gehört zu meinen Aufgaben als CTO auch, Technologie noch stärker mit den anderen Unternehmensbereichen zu verzahnen. Themen wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder künstliche Intelligenz lassen sich heute nicht mehr isoliert lösen. Sie betreffen gleichermaßen Entwicklung, Produktion, IT, Vertrieb und viele weitere Bereiche. Innovation entsteht zunehmend an diesen Schnittstellen.
Bei Ingeniq denkt Krones den kompletten Produktionsprozess revolutionär anders: „Neben High-End-Equipment und vollständiger Digitalisierung und Automatisierung steht hier besonders die Partnerschaft mit unseren Kunden im Fokus“, so Markus Tischer.
Gleichzeitig beziehe ich den Begriff „Innovation“ nicht nur auf unsere Produkte, sondern auch auf unsere internen Prozesse und Systeme. Das „T” in „CTO” steht in diesem Kontext auch für Transformation im Sinne eines internen Wandels. Die digitalen Innovationen, die wir für unsere Kunden entwickeln, brauchen wir auch bei uns im Unternehmen. Wichtig sind dabei die Menschen, also unsere Belegschaft, die diese Innovationen anwenden und einen zunehmend digitalen Arbeitsalltag leben. Wie vorhin schon gesagt, kommt es für uns darauf an, unsere Mitarbeitenden mitzunehmen und die notwendigen Kompetenzen aufzubauen. Das gehört im Rahmen des IT-Bereichs auch zu meiner Rolle.
Schauen wir noch einmal 25 Jahre voraus, ins Jahr 2051, wenn Krones 100-jähriges Jubiläum feiern wird. Welche Themen werden den oder die dann amtierende CTO beschäftigen?
KI wird dann so selbstverständlich und allgegenwärtig sein wie für uns heute das Internet – und sie wird quasi alles Wissen für jeden verfügbar machen. Die Innovationszyklen werden sich noch einmal massiv beschleunigen, weil KI aus diesen Informationen schnell und ständig neue Lösungen ableiten kann. Die Abgrenzung und der Schutz des eigenen Wissens werden in dieser Welt viel komplexer sein als heute. Meine These ist, dass in 25 Jahren nicht mehr derjenige erfolgreich sein wird, der eine Innovation am längsten schützen kann, sondern derjenige, der sie am schnellsten in Kundennutzen übersetzt. Eine zentrale Aufgabe des oder der CTO wird deshalb sein, mit dieser Dynamik umzugehen und Ideen schneller als andere in marktfähige Lösungen zu überführen.
Ich bin überzeugt, dass wir bereits heute mit unserer weltweiten Präsenz und unserem internen Set-up für so ein Szenario sehr gut aufgestellt sind. Wie kaum sonst jemand in unserer Branche sind wir in den wichtigsten Märkten vor Ort und können dort schnell Themen umsetzen. Deshalb wird auch die Fähigkeit, globale Teams, unterschiedliche Kulturen und rasant voranschreitende Technologien zusammenzubringen, noch wichtiger sein als heute.